Suchwort eingeben

22.01.2022

Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit

Predigt unseres Diözesanpräses Pfr. Christian Preis zum Umgang mit Missbrauch in unserer Kirche

Liebe Zuhörende,

am vergangenen Donnerstag wurde in München das Gutachten zum Thema Umgang mit Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising veröffentlicht. Darin geht es auch um das Handeln, vor allem aber um das Nichthandeln kirchlicher Amtsträger bis hin zu Münchener Erzbischöfen, von denen drei noch am Leben sind.

Wieder einmal bleibt mir die Luft weg. Wut, Trauer und Ratlosigkeit machen sich breit. Das ganze System der hierarchisch verfassten Kirche, die wir die katholische nennen, scheint zu kollabieren.
Nach neuesten Umfragen vertrauen noch 12 % der Deutschen der katholischen Kirche. Das ist nicht einmal jedes zweite Kirchenmitglied

Und dann frage ich mich: was trägt noch, wem kann ich glauben, was darf ich hoffen?

Eine Antwort gibt mir das heutige Evangelium, es sind die Texte vom Tag:
Jesus liest in der Synagoge aus dem Prophten Jesaja vor:

Der Geist des Herrn ruht auf mir;
denn er hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. (Lk 4, 18f)

Und Jesus bezieht diese Worte auf sich: Heute hat sich erfüllt…

Um die Armen geht es, die Gefangenen, die Blinden, die Zerschlagenen. Wir dürfen ruhig auch sagen um die misshandelten und missbrauchten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Für die und zu denen ist Jesus gesandt. Aber nicht, um für sie zu beten und sie zu bedauern und Beschwichtigungen zu finden. Nein: Entlassung für die Gefangenen, Augenlicht für die Blinden, Freiheit für die Zerschlagenen. Das ist ganz konkret, da ist keine Vertröstung, da ist auch keine frömmlerische Spiritualisierung.

Es ist Jesus, der das sagt und der so handelt. Ihm kann ich trauen, ich kann ich glauben, ihm kann und will ich folgen. Dabei bin ich schwach, mache Fehler, muss immer wieder um Vergebung bitten, enttäusche Menschen. Ja. Das weiß ich, ich versuche, das wieder gut zu machen.
In aller Nachfolge bin ich nur ein schwacher Mensch, der sich bemüht.

Und dann erlebe ich in diesen Tagen auch ein ganz andere Kirche, erlebe ich „Kirchenfürsten“, und ich gebrauche das Wort „Fürst“  hier ganz bewusst, denen das „Ja“ zwar schnell von den Lippen kommt, direkt gefolgt von dem ABER: Aber das war damals so, aber das war doch nicht strafbar, aber das war doch nicht vorgeschrieben.  Die, die selbst schnell die moralische Keule auspacken, wenn z.B. ein Arzt in einem katholischen Krankenhaus einen Mann heiratet, die gleichen Herren ziehen sich auf das staatliche Strafrecht zurück, wenn es um ihre eigene Moral geht und um eigene Fehler.

Es ist für mich unerträglich, wenn der Schutz der Institution Kirche Vorrang erhält vor dem Schutz von Kindern und Jugendlichen. Das ist dann nicht mehr die Kirche, die ich liebe und ich der ich gerne wirke. Es ist für mich unerträglich, wenn Missbrauch relativiert wird wie: „Der hat sie ja nicht angefasst“. Es ist für mich unerträglich, wenn zu eigenen Entlastung auf andere gezeigt wird.

Ja ich leide in diesen Tagen an der Kirche, leide schon seit Wochen, Monaten und Jahren an ihr. Ich weiss nicht, wie lange ich das noch ertragen kann.

Und da geben wir wieder die Texte des heutigen Tages Halt:

Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit (1Kor 12,26)

so hörten wir eben in der Lesung.

Ich gebe zu, mein Mitleid mit den Tätern und mit denen, die sie deckten oder die wegschauten, hält sich sehr in Grenzen.

Mein Mitleid gilt den Frauen und Männern, die Opfer sexuellen Mißbrauchs wurden, die diesen Missbrauch im wahrsten Sinn des Wortes überlebt haben. Unser aller Mitleid sollte ihnen gelten.

Und mehr noch, ich erlebe heute viele Menschen, die wie ich an dieser ganz konkreten Kirche leiden. Auch da gilt für mich: wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.
Hier sehe ich meinen, hier sehe ich unseren Weg:

Lasst uns anders Kirche sein: nicht auf Macht bedacht, sondern auf Zuwendung,
nicht auf Angst gebaut, sondern auf Vertrauen,
nicht die eigenen Privilegien verteidigen, sondern suchen und tun, was den Menschen dient
nicht auf menschlichem Gesetz, sondern auf dem Wort Jesu gegründet.

Lasst uns miteinander eine Kirche sein, die ganz und ungeteilt und ohne Wenn und Aber auf der Seite der Opfer steht. Lasst uns auch eine Kirche sein, die verzeiht, wo Schuld offen bekannt und glaubhaft um Vergebung gebeten wird.

Es darf dabei nicht zuerst darum gehen, in der Gesellschaft Ansehen verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen. Es muss unsw zuerst darum gehen, gemeinsam Jesus nachzufolgen, der in jedem misshandelten Kind gleichsam erneut gekreuzigt wird. Es muss uns darum gehen, dass wir wieder Kirche Jesu werden. Wenden wir uns den Menschen zu und erkennen in jedem gequälten Menschen  den gequälten Jesus.

Ich bin überzeugt, dass die Kirche, in die die meisten von uns vor vielen Jahren hineingewachsen sind, gerade zerbricht. Ich bin aber auch sicher, dass wir mit Jesus unseren Weg in eine gute Zukunft in der Gemeinschaft der Glaubenden gehen können

Darauf kann ich vertrauen. Lassen sie uns gemeinsam gehen.

(Predigt des Diözesanpräses des Kolpingwerks DV Limburg Pfr. Christian Preis zum 23.1.22)

Zum Anfang der Seite springen